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Beim Arbeiten an einem Ölbild kann es passieren, dass die Oberfläche plötzlich unruhig wirkt. Einige Stellen glänzen, andere erscheinen matt, stumpf oder fast ein wenig grau. Besonders bei seitlichem Licht oder ungünstiger Beleuchtung fällt dieser Unterschied stark auf. Das Bild wirkt dann fleckig, obwohl Du vielleicht sehr sorgfältig gearbeitet hast. Diese matten Stellen nennt man in der Ölmalerei „eingeschlagene Bereiche“. Die Farbe ist dort optisch abgesackt. Sie hat ihre Tiefe, ihren Glanz und oft auch etwas von ihrer ursprünglichen Farbintensität verloren. Das sieht zunächst erschreckend aus, ist aber kein Grund zur Sorge. Eingeschlagene Stellen haben nicht automatisch etwas mit schlechter Maltechnik zu tun. Sie kommen selbst bei erfahrenen Malern vor. Manchmal sogar mitten in einem Bild, das ansonsten technisch völlig sauber aufgebaut ist.
Die Ursache liegt meist im Zusammenspiel von Farbe, Malgrund, Ölanteil und Verdünnungsmittel. Ölfarben enthalten unterschiedlich viel Bindemittel. Manche Pigmente brauchen mehr Öl, andere weniger. Deshalb trocknen nicht alle Farben gleich und sie verhalten sich auf der Leinwand oder dem Malgrund auch nicht identisch. Dunkle Farben, Erdtöne und transparente Mischungen neigen zum Beispiel häufiger dazu, matter aufzutrocknen als helle, deckende Farbschichten. Auch die Menge des verwendeten Verdünnungsmittels spielt eine wichtige Rolle. Wenn Du eine Farbe stark mit Terpentin, Terpentinersatz oder einem anderen Lösungsmittel verdünnst, wird ihr Ölanteil reduziert. Dadurch kann die Farbschicht nach dem Trocknen stumpf und trocken aussehen. Sie verliert dann jene satte Tiefe, die wir an Ölfarbe so lieben. Ein weiterer Grund kann ein stark saugender Malgrund sein. Wenn der Untergrund zu viel Öl aus der Farbe zieht, bleibt an der Oberfläche zu wenig Bindemittel zurück. Auch dann entstehen matte, eingeschlagene Bereiche. Kurz gesagt: Die Farbe wirkt nicht deshalb stumpf, weil Du „schlecht gemalt“ hast, sondern weil das Gleichgewicht zwischen Pigment, Öl, Lösungsmittel und Untergrund gestört wurde.
Wenn Dein Bild oberflächentrocken ist, kannst Du eingeschlagene Bereiche mit Retuschierfirnis behandeln. Retuschierfirnis ist ein dünner Zwischenfirnis, der den matten Stellen vorübergehend wieder Glanz und Tiefe gibt. Die Farben wirken danach wieder satter, dunkle Bereiche bekommen ihre Tiefe zurück, und die Bildoberfläche erscheint optisch gleichmäßiger. Besonders praktisch ist das, wenn Du an einem Bild weiterarbeiten möchtest und die matten Stellen Dich daran hindern, Farben und Tonwerte richtig zu beurteilen. Denn genau das ist das Problem bei eingeschlagenen Bereichen: Sie verfälschen den Eindruck. Ein dunkler Schatten kann plötzlich zu hell wirken, ein kräftiger Farbton zu stumpf, ein Übergang zu hart. Retuschierfirnis hilft Dir, das Bild wieder klarer zu sehen.
Wichtig ist jedoch: Retuschierfirnis sollte immer sehr dünn und sparsam aufgetragen werden. Auch wenn ein Ölbild oberflächentrocken ist, ist es in der Tiefe oft noch lange nicht vollständig durchgetrocknet. Ölmalerei braucht Zeit. Je nach Farbschicht, Malmittel, Pigment und Raumklima kann die vollständige Durchtrocknung Wochen oder sogar Monate dauern. Retuschierfirnis enthält Lösungsmittel. Wenn Du ihn zu dick aufträgst oder zu stark in die Oberfläche einarbeitest, kann die noch nicht vollständig getrocknete Farbe angelöst werden. Deshalb gilt: lieber mehrere sehr zurückhaltende Schritte als eine zu satte Schicht. Du brauchst keinen glänzenden Lackfilm auf dem Bild. Es geht nur darum, die stumpfen Bereiche leicht zu sättigen und die Oberfläche optisch zu beruhigen.
Retuschierfirnis gibt es in flüssiger Form zum Auftragen mit dem Pinsel, aber auch als Sprühfirnis in der Dose. Die flüssige Variante lässt sich gezielt auf einzelne Bereiche auftragen. Dabei solltest Du einen weichen, sauberen Pinsel verwenden und nicht zu stark über die Oberfläche reiben. Die Sprühvariante verteilt sich besonders fein und gleichmäßig. Sie ist praktisch, wenn größere Bereiche betroffen sind oder wenn Du vermeiden möchtest, die Bildoberfläche mit dem Pinsel zu berühren. Auch hier gilt: sehr dünn sprühen, mit genügend Abstand arbeiten und lieber vorsichtig dosieren.
Wichtig ist außerdem der Unterschied zwischen Retuschierfirnis und Schlussfirnis. Retuschierfirnis ist eine Zwischenlösung. Er hilft Dir während des Malprozesses oder bei einem noch nicht vollständig durchgetrockneten Bild. Ein endgültiger Schlussfirnis wird erst später aufgetragen, wenn das Bild wirklich durchgetrocknet ist. Der Schlussfirnis schützt das fertige Gemälde und sorgt für eine einheitliche Oberfläche. Retuschierfirnis dagegen dient vor allem dazu, eingeschlagene Stellen wieder sichtbar zu beleben und das Weiterarbeiten zu erleichtern.
Wenn Dein Ölbild also matte und glänzende Bereiche zeigt, ist das kein Drama. Es ist ein ganz normales Phänomen der Ölmalerei. Fast jeder Künstler kennt diesen Moment, in dem ein Bild plötzlich fleckig, stumpf oder ungleichmäßig wirkt. Mit etwas Geduld, einem sparsamen Einsatz von Retuschierfirnis und einem guten Verständnis für Deine Materialien lässt sich das Problem meist gut beheben. Und manchmal ist es sogar ein hilfreicher Hinweis: Dein Bild zeigt Dir, wo Farbe, Malmittel und Untergrund noch nicht ganz im Gleichgewicht waren. Genau solche Erfahrungen machen Dich mit der Zeit sicherer im Umgang mit Ölmalerei. Stück für Stück lernst Du, wie Deine Farben trocknen, welche Pigmente empfindlicher reagieren und wie viel Verdünnungsmittel wirklich sinnvoll ist. Ölmalerei ist eben nicht nur Farbe auf Leinwand. Sie ist auch Materialkunde, Geduld und ein bisschen liebevolle Alchemie.
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