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Nach den langen Wintermonaten gehören Schneeglöckchen zu den ersten kleinen Wundern im Garten. Zart, still und doch voller Präsenz kündigen sie den Frühling an. Genau diese besondere Stimmung fangen wir in diesem Bild ein. In diesem Tutorial zeige ich Dir Schritt für Schritt, wie Du ein realistisches Schneeglöckchen-Stillleben in Öl malen kannst — von der ersten Untermalung bis zu den letzten Lichtakzenten im Glas. Das Motiv eignet sich wunderbar, um feine Formen, Tonwerte, weiche Übergänge und die Darstellung von Weiß in der Ölmalerei zu üben.
Du kannst mein Bild verwenden - dann drucke es Dir bitte aus. Alternativ habe ich für Dich auch noch ein paar andere Fotos, die Du zum Malen gebrauchen kannst.
1. Hintergrund anlegen
Für kleinformatige Motive mit vielen feinen Details arbeite ich am liebsten auf einem glatten Paneel. Darauf lassen sich kleine Formen, saubere Kanten und subtile Übergänge deutlich präziser ausarbeiten als auf einer groben Leinwand.
Hintergrund anlegen
Wie bei vielen realistischer Ölmalerei beginne ich auch hier mit dem Hintergrund. Das hat einen einfachen Vorteil: Die Blüten und Stiele lassen sich später sauber und klar darauf aufbauen.
Die linke Bildseite bleibt dunkler, die rechte läuft etwas heller aus. So entsteht von Anfang an eine sanfte Lichtführung, die dem Bild Tiefe verleiht.
Trage die Farbe zunächst locker auf und arbeite sie anschließend mit dem Lasurpinsel ein. Durch dieses leichte Tamponieren entsteht eine lebendige, natürliche Oberfläche.
Ein Hintergrund muss nicht steril glatt sein — im Gegenteil: Eine feine, unaufdringliche Struktur wirkt oft atmosphärischer und glaubwürdiger.
Außerdem sparst Du Dir auf diese Weise eine zusätzliche Schicht. Gerade in der Ölmalerei lohnt es sich, effizient und zugleich kontrolliert zu arbeiten.
Ein häufiger Fehler besteht darin, weiße Motive direkt mit Weiß anzulegen.
Doch weiße Blüten werden in der Untermalung niemals einfach weiß gemalt. Entscheidend sind zunächst die Tonwerte.
Für die Blüten verwende ich deshalb ein helles Grau, für die Schattenbereiche ein mittleres Grau.
Die Stiele und Blätter werden mit Saftgrün angelegt; in den Lichtpartien wird das Grün leicht mit Gelb aufgehellt.
Arbeite in dieser Phase möglichst sauber.
Gerade bei einem Motiv wie Schneeglöckchen machen präzise Konturen und klare Formen viel aus.
Achte darauf, nicht mit der Hand in die frische Farbe zu geraten, und versuche schon in der ersten Schicht räumlich zu denken: Die weiter hinten liegenden Blüten dürfen etwas dunkler und zurückhaltender angelegt werden als die im Vordergrund.
Versuche in der ersten Schicht nicht schon perfekte Übergänge erzwingen zu wollen. Das führt meist nur zu unnötig dicken Farblagen. In der Ölmalerei gilt nach wie vor die Regel fett auf mager. Beginne also schlank und zurückhaltend — die Verfeinerung kommt später.
Jeder Künstler hat seine eigene Arbeitsweise. Ich natürlich auch. Und ich finde es großartig, wenn ein Bereich eines Bildes schon mal beinahe fertig ist, während das Drumherum noch in Schutt und Asche liegt. Ich nehme an, das ist eher eine psychologische Komponente.
Einen Halt haben im Nirgendwo vielleicht.
Und vor allem: Wenn ein Teil des Bildes bereits gut aussieht, dann habe ich viel mehr Motivation, auch am folgenden Tag wieder an die Arbeit zu gehen. Diese Motivation, sie würde mir entsetzlich fehlen, wenn ich vor einem Bild sitzen würde, auf dem wirklich alles eine Baustelle ist.
Sobald die Untermalung trocken ist, bekommen die Schneeglöckchen ihre zweite Farbschicht.
Jetzt geht es nicht mehr nur um Form und grobe Tonwerte, sondern um die genaue Farbigkeit. Für weiße Blüten ist ein warmes Grau meist überzeugender als ein hartes Grau aus reinem Schwarz und Weiß. Der Hintergrund beeinflusst immer die Farbwirkung des gesamten Bildes.
Wenn der Hintergrund warm graubraun ist, dürfen auch die Blüten in dieses Farbsystem eingebunden sein.
Mische Dir am besten gleich mehrere Abstufungen: ein sehr helles Grau für die Lichtbereiche, ein mittleres für die Halbtöne und ein dunkleres für die Schatten.
Diese kleine Farbfamilie hilft Dir dabei, die Form plastisch und glaubwürdig auszumodellieren.
Ein warmes Grau kann man fertig als Tube kaufen, aber man kann es auch selbst mischen. Mein warmes Grau besteht aus viel Titanweiß, einem kleinen Klecks Eisenoxidschwarz und einem kleinen Klecks Umbra gebrannt. Ich habe davon gleich drei verschiedene Mischungen gemacht: ein sehr helles Grau, ein mittleres und ein dunkleres.
Kleiner Tipp am Rande:
Du solltest dir ohnehin - unabhängig davon, was du malst - angewöhnen, immer eine ganze Farbfamilie zu erstellen. Eine helle Mischung für die Lichter, eine mittlere für die Mitteltöne und eine dunkle für die Schattenbereiche.
Besonders wichtig sind bei den Schneeglöckchen die feinen Rillen der Blütenblätter. Sie verleihen der Oberfläche Charakter und machen die Blume erst wirklich lebendig. Arbeite diese Strukturen mit ruhiger Hand heraus und setze die Schatten gezielt dazwischen.
Die inneren Blütenblätter erhalten zudem ihre zarten grünen Zeichnungen.
Auch ganz wichtig: Achte auf deine Konturen und darauf, dass sie nicht so anfressen aussehen! Wenn dir das nicht gut gelingt, dann liegt es in den allermeisten Fällen daran, dass deine Farbe zu fest ist. Verdünne sie dann mit etwas Terpentin.
Im nächsten Schritt überarbeitest Du das Grün.
Farbig bleibt alles im gleichen System, aber nun werden Licht, Schatten und räumliche Staffelung sorgfältiger ausgearbeitet.
Nicht alle Stiele und Blätter sollten den gleichen Farbton haben. Variiere das Grün leicht, damit erkennbar wird, was im Vordergrund liegt und was zurückweicht.
Gerade bei Pflanzenmotiven lebt ein Bild von feinen Unterschieden.
Ein Blatt, das Licht bekommt, darf etwas frischer und heller wirken. Ein Blatt im Schatten bleibt kühler, dunkler und zurückhaltender.
So entsteht Tiefe, ohne dass Du künstlich übertreiben musst.
Wenn Deine Farbe zu zäh ist, werden Linien schnell unsauber. Dann hilft es, die Mischung etwas geschmeidiger zu machen, damit die Konturen feiner und kontrollierter fließen.
Wir sind nun bei der Untermalung für die Vase angekommen. Die ist eigentlich recht simpel. Mische Dir dafür nochmals die Farbe Deines Hintergrunds. Es muss nicht exakt der selbe Farbton sein. Wenn Du irgendwie in die Nähe davon kommst, ist es auch gut.
Mit dieser Farbmischung untermalst Du nun die gesamte Vase. Mit der gleichen Farbe untermale ich nun auch die Tischplatte - sie kann ruhig ein wenig streifig aussehen. That's it.
Das Glas wirft natürlich einen Schatten auf den Tisch. Unser Licht auf dem Bild kommt von links, wenn Du Dich gut erinnerst.
Demzufolge fällt der Schatten nach rechts. Für diese Schattenfarbe gibst Du einfach ein wenig mehr Umbra und German Earth (oder Vandyckbraun) an Deine Mischung.
Danach lässt Du das Bild gut trocknen.
Zweite Phase der Untermalung
Bevor Du mit der zweiten Phase beginnst, kontrolliere bitte Deine Vase. Den allermeisten Künstlern unterlaufen Fehler in den Proportionen von Vasen. Mir auch, wie Du siehst. Das Glas muss auf der linken Seite genau die gleiche Form haben wie auf der rechten. Und die Elipsen müssen klappen. - Um das zu korrigieren, ziehe ich mit Bleistift eine Mittellinie in die Vase. Danach wird gemessen. Der Abstand von der Mittellinie zur linken Außenseite der Vase muss an jeder Stelle der Vase genauso groß sein wie der von der Mittellinie zur rechten Außenseite.
Für die zweite Untermalung verwende ich wieder die gleichen Farben wie für die erste - und nun sollte die Farbe gut decken. Danach wiederum gut trocknen lassen.
Sobald die Vase trocken ist, beginnst Du mit den Stielen der Schneeglöckchen im Glas. Wieder die gleiche Farbmischung wie für die Stiele oberhalb des Glases. Also Saftgrün und Kadmiumgelb. Achte darauf, dass Du nicht mehr Stiele malst als Du Schneeglöckchen hast. 🙂
Und auch hier ist das "Davor" und "Dahinter" wiederum sehr wichtig. Die Stiele, die im Vordergrund zu sehen sind, werden heller gemalt als die im Hintergrund liegenden.
Mir sind die Stiele meiner Schneeglöckchen noch etwas zu undifferenziert. Die Kanten sind schlampig, und es ist auch nicht ganz klar, welche Blumen nun im Vordergrund und welche im Hintergrund liegen. Das werde ich nun in der dritten Grün-Schicht beheben.
In einem anderen Tutorial hatte ich mal erwähnt, dass man für Blumen und Pflanzen niemals ein fertiges Grün aus der Tube nehmen sollte. Aber: jede Regel kennt Ausnahmen. Bei Schneeglöckchen oder auch Krokusse kann man unbedenklich mit Saftgrün (von Rembrandt) oder mit Hookers Grün (von Old Holland) arbeiten. Das Grün dieser beiden Blumen ist ein ganz anderes als das Grün der Blumen auf den Wiesen im Hochsommer. Frischer und sehr dunkel.
Nun kriegt die Tischplatte auch noch ein wenig Struktur.
Bei der Tischplatte musste ich eine Entscheidung treffen: male ich eine realistische Holzplatte oder deute ich das Holz nur an?
Ich habe mich für letztere Variante entschieden. Warum?
Ganz wichtig für gute Kompositionen ist, dass man das Bild nicht überlädt. Das ist natürlich eine sehr subjektive Empfindung: was der eine überladen findet, findet der andere gerade schön. Aber: gewöhne Dir an, Dich bei jedem Bild zu fragen: fügt dieses Detail dem Bild etwas zu? Worum geht es in dem Bild? Was ist das Wichtigste?
In diesem Fall sind es die Schneeglöcken in der Glasvase. Darauf liegt mein Hauptaugenmerk. Alles andere ist Beiwerk und nicht wirklich wichtig. Na ja, nicht ganz so wichtig - der Tisch an sich ist es schon, denn das Glas muss ja auf irgendeiner Unterlage stehen. Aber ob ich den Tisch nun realistisch male oder nicht: es hat keinen Einfluss auf die Schneeglöckchen. Ich könnte stattdessen auch einen Plastikwürfel malen. Der Tisch ist also nur ein Statist, irgendwie notwendig, aber austauschbar.
Ich verwende für die erneute Übermalung ein Grau-Braun, dass sich ein klein wenig von meiner letzten Untermalung unterscheidet. Es kann etwas heller sein, etwas dunkler, oder auch etwas kühler oder wärmer - das macht nichts aus. Wichtig ist nur, dass es nicht wieder der gleiche Farbton ist. Und ich lege auch keine deckende Farbschicht an, sondern male im Prinzip Linien, die auch nicht zu gerade und zu statisch sein dürfen. Zwischen den Linien sieht man noch stets den alten Hintergrund hindurch.
Zum Schluss wird nun auch der Schatten noch einmal überarbeitet - er ist definitiv zu hell. Ich dunkle ihn ab mit Vandyckbraun, das ist halbtransparent und lässt die alte Struktur noch ein wenig durchscheinen.
Danach lässt Du das Bild trocknen.
Wenn nichts mehr klebt, dann ist es Zeit für die finale Schicht Grün. Nochmals geht es um die Frage: Liegt der Stängel im Vorder- oder im Hintergrund?
Und auch die Tischplatte erhält nun den finalen Touch:
Wieder mit Graubraun, nun gern etwas dunkler. Und die Linien werden nicht ganz so eng gesetzt wie bei der zweiten Schicht. Und nach dem Auftragen mit einem Katzenzungenpinsel ein wenig geglättet, damit sie nicht so hart wirken.
Nach den dunklen Linien kommen noch ein paar helle Linien - so erreichen wir wenigstens gefühlsmäßig die Andeutung einer Tischplatte aus Holz. Für die hellen Linien verwendest Du bitte kein Weiß, sondern Du bleibst bei Deinem Graubraun, dass Du mit ein wenig Weiß aufhellst.
Experimentiere ruhig mit verschiedenen Farbtönen.
Probiere ein Gefühl dafür zu entwickeln, welche Farbtöne in einer Tischplatte möglich sind.
Studiere Holzplatten.
Schau sie Dir an und staune, aus wie vielen verschiedenen Farben sie mitunter bestehen.
Glas lebt nicht von dicken weißen Linien, sondern von feinen Hell-Dunkel-Kontrasten, Spiegelungen und zarten Übergängen. Die Highlights wirken im Film oft fast weiß, bestehen in Wirklichkeit aber zunächst eher aus einem stark aufgehellten Graubraun, das aus der Hintergrundfarbe entwickelt wird. Erst ganz am Ende kommen wenige, gezielte Akzente in reinem Weiß hinzu.
Ebenso wichtig sind die dunkleren Spiegelungen und Schatten im Glas. Auch sie sollten nicht isoliert gedacht werden. Der Hintergrund bestimmt die Farbigkeit des Glases mit. Darum wirken Glasobjekte besonders überzeugend, wenn ihre Lichter und Schatten farblich aus dem Umfeld heraus entwickelt werden statt künstlich daneben zu stehen.
Mein Glas sieht hier im Film etwas windschief aus, das liegt aber daran, dass die Kamera seitlich von mir steht.
Ich kann sie leider nicht direkt vor das Bild stellen, denn dann sehe ich nicht mehr, was ich da eigentlich male.
Danach muss das Bild erst mal wieder ein wenig antrocknen. Darum kehre ich nochmals zu meinem Grün zurück und mache letzte Korrekturen.
Wenn das Bild leicht angezogen hat, gehst Du noch einmal durch alle Bereiche:
Sind die Blüten plastisch genug?
Sind die Stiele klar voneinander getrennt?
Stimmt die Staffelung von Vorder- und Hintergrund?
Braucht das Glas noch ein Licht oder einen dunkleren Reflex?
st der Hintergrund überall sauber abgeschlossen?
Jetzt ist der richtige Moment für letzte kleine Korrekturen und sparsame Highlights. Mehr braucht es oft gar nicht. Gerade bei einem zarten Motiv wie Schneeglöckchen entsteht Schönheit nicht durch Übertreibung, sondern durch Ruhe, Präzision und ein gutes Gespür für Tonwerte.
Und damit sind wir am Ende angekommen. Viel Spaß beim Nachmalen!
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