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Die Alla-Prima-Malerei gehört zu den unmittelbarsten und lebendigsten Malweisen überhaupt. Statt ein Bild in vielen einzelnen Schichten aufzubauen, arbeitest Du hier nass in nass: Die Farbe wird direkt gesetzt, gemischt, korrigiert und vollendet, solange sie noch feucht ist. Das Ergebnis wirkt oft frisch, spontan und überraschend lebendig. Doch Alla Prima ist keineswegs nur „schnelles Malen“. Im Gegenteil: Diese Technik verlangt ein gutes Auge, klare Entscheidungen und ein sicheres Gefühl für Tonwerte, Farben, Kanten und Pinselsetzung. Wer Alla Prima beherrscht, lernt nicht nur freier zu malen, sondern auch präziser zu sehen. In diesem Artikel erfährst Du, was Alla-Prima-Malerei genau ist, worin sie sich von der Schichtenmalerei unterscheidet, welche Vorteile und Grenzen sie hat und wie Du selbst erfolgreich in diese Technik einsteigen kannst.
Richard Schmidt
Linda Reynolds
Der Begriff Alla Prima stammt aus dem Italienischen und bedeutet sinngemäß „auf den ersten Ansatz“ oder „beim ersten Anlauf“. Gemeint ist eine Malweise, bei der ein Bild in einer Sitzung oder in wenigen direkt aufeinanderfolgenden Arbeitsschritten gemalt wird, ohne dass die einzelnen Farbschichten zwischendurch vollständig trocknen. Typisch für die Alla-Prima-Technik ist also das Arbeiten in die noch feuchte Farbe hinein. Neue Farbtöne werden nicht erst auf trockenen Unterschichten aufgebaut, sondern direkt in den frischen Farbauftrag gesetzt. Dadurch entstehen weiche Übergänge, lebendige Oberflächen und ein oft sehr unmittelbarer Ausdruck. Besonders häufig wird Alla Prima mit der Ölmalerei verbunden, weil Ölfarbe lange offen bleibt und sich dadurch gut modellieren, verschieben und miteinander verbinden lässt. Aber auch mit Acryl oder Gouache lassen sich alla-primaartige Effekte erzielen – wenn auch unter anderen Bedingungen.
Der wichtigste Unterschied liegt im Bildaufbau. Bei der klassischen Schichtenmalerei entsteht ein Bild Schritt für Schritt: Untermalung, Korrekturen, weitere Farbschichten, Lasuren, Details. Jede Phase baut auf der vorherigen auf. Diese Methode eignet sich besonders für fein ausgearbeitete, kontrollierte und tief wirkende Malerei. Die Alla-Prima-Malerei dagegen setzt auf Direktheit. Du entwickelst Form, Farbe, Licht und Atmosphäre weitgehend gleichzeitig. Statt viele Ebenen nacheinander aufzubauen, versuchst Du, die wesentlichen Beziehungen sofort richtig zu treffen. Das bedeutet jedoch nicht, dass Alla Prima zwangsläufig grob oder skizzenhaft sein muss. Auch in dieser Technik lassen sich überzeugende, ausdrucksstarke und sehr präzise Bilder schaffen. Nur der Weg dorthin ist ein anderer: weniger schichtweise Konstruktion, mehr unmittelbare Entscheidung.
Die Alla-Prima-Malerei besitzt eine besondere Frische, die sich kaum künstlich herstellen lässt. Weil die Farbe in einem Zug gesetzt und nicht immer wieder trocken überarbeitet wird, bleibt oft etwas von der ursprünglichen Energie des Malprozesses sichtbar. Genau das macht den Reiz dieser Technik aus. Hinzu kommt, dass Alla Prima das Sehen schult. Du kannst Dich weniger hinter späteren Korrekturen verstecken und musst früher entscheiden: - Wie dunkel ist der Schatten wirklich?- Wie warm ist das Licht?- Wo ist die Kante weich, wo hart?- Welche Form muss klar herausgearbeitet werden – und welche darf offen bleiben? Gerade deshalb ist Alla Prima eine hervorragende Schule für Maler, die ihre Beobachtungsgabe, Sicherheit im Farbsehen und Mut zur Vereinfachung stärken möchten.
Besonders gut eignet sich Alla Prima für Motive, die von Lebendigkeit, Lichtstimmung und direkter Wahrnehmung leben. Dazu gehören zum Beispiel Stillleben, Blumen, Porträts, Tiere, Landschaften oder kleine Studien nach der Natur. Auch für Übungen ist die Technik ideal. Wer regelmäßig alla prima arbeitet, trainiert den schnellen Blick auf das Wesentliche. Du lernst, große Formen zuerst zu erfassen, Werte richtig zu ordnen und Dich nicht in Details zu verlieren. Bei sehr komplexen, großformatigen oder stark feinmalerischen Motiven stößt Alla Prima allerdings an Grenzen. Dort kann die klassische Schichtenmalerei Vorteile bieten, weil sie mehr Zeit für Korrekturen, Trocknungsphasen und kontrollierte Verfeinerung lässt.
Typisch für diese Malweise sind einige grundlegende Eigenschaften: Nass-in-nass-Arbeit Die Farbe bleibt offen, und neue Farbtöne werden direkt in die frischen Schichten gesetzt. Direkter Bildaufbau Tonwerte, Farben, Formen und Kanten werden möglichst früh und möglichst klar festgelegt. Weniger Überarbeitung Statt immer neue Schichten hinzuzufügen, versuchst Du, die richtigen Entscheidungen gleich beim ersten oder zweiten Ansatz zu treffen. Sichtbare Pinselarbeit Pinselstriche dürfen ruhig leben. Nicht jede Spur muss geglättet werden. Spontaneität und Frische Das Bild bewahrt häufig eine gewisse Unmittelbarkeit, die sehr ansprechend wirken kann.
Ein großer Vorteil der Alla-Prima-Malerei ist ihre Unmittelbarkeit. Du kommst schnell ins Bild, arbeitest aktiv mit dem Motiv und bekommst rasch sichtbare Ergebnisse. Das kann sehr motivierend sein. Auch der Lerneffekt ist enorm: Da Du Entscheidungen nicht endlos vertagen kannst, entwickelst Du mit der Zeit ein besseres Gespür für Proportionen, Farbklänge und Hell-Dunkel-Beziehungen. Weitere Vorteile sind: - ein frischer, lebendiger Bildeindruck- eine gute Schule für das sichere Sehen - weniger technische Komplexität als bei aufwendiger Schichtenmalerei - oft kürzere Arbeitszeiten- ein lockerer, freierer Umgang mit Farbe
Gerade weil Alla Prima so direkt ist, ist sie nicht unbedingt die leichteste Malweise. Viele Anfänger unterschätzen das. Die häufigsten Probleme entstehen, wenn zu lange in einer Stelle herumgearbeitet wird. Dann vermischen sich die Farben unkontrolliert, die Oberfläche wird stumpf oder „matschig“, und klare Formen gehen verloren. Auch ein unsicherer Start kann das gesamte Bild schwächen. Wenn die großen Tonwertbeziehungen am Anfang nicht stimmen, lässt sich das später nur schwer retten. Alla Prima verlangt daher Mut zur Vereinfachung und eine gewisse Disziplin: erst die großen Zusammenhänge, dann die kleineren.
Für die Alla-Prima-Malerei in Öl brauchst Du keine übermäßig komplizierte Ausstattung, aber ein paar Dinge sind besonders hilfreich. Wichtig ist zunächst ein geeigneter Malgrund. Sehr angenehm sind glatte oder fein strukturierte Untergründe, weil sie eine präzise Pinselarbeit erleichtern. Auch ein gut vorbereitetes Paneel kann sehr sinnvoll sein. Bei den Farben lohnt sich eine überschaubare, aber gute Palette. Zu viele Farbtuben machen das Mischen nicht automatisch besser. Entscheidend ist, dass Du Deine Farben kennst und gezielt einsetzen kannst. Auch die Pinselwahl spielt eine große Rolle. Je nach Motiv brauchst Du stabile Pinsel zum Setzen größerer Flächen und weichere oder feinere Pinsel für Übergänge und Akzente. Mit Malmitteln solltest Du eher zurückhaltend umgehen. Alla Prima profitiert meist von einem klaren, kontrollierten Farbauftrag. Zu viel Medium kann die Farbe rutschig machen oder unnötig verflüssigen.
Ein gutes Alla-Prima-Bild beginnt nicht mit Details, sondern mit Klarheit. 1. Das Motiv vereinfachen Bevor Du malst, solltest Du das Motiv gedanklich ordnen. Wo liegen die großen Formen? Wie verteilt sich das Licht? Was sind die wichtigsten Wertemassen? 2. Die Zeichnung knapp halten Eine leichte Vorzeichnung genügt meist. Sie soll Dir Orientierung geben, aber nicht das Malen blockieren. 3. Große Tonwerte zuerst setzen Lege zuerst die großen Hell-Dunkel-Beziehungen an. Wenn diese stimmen, steht das Bild bereits auf einem tragfähigen Fundament. 4. Farben in Beziehung zueinander mischen Mische nie isoliert. Eine Farbe wirkt immer nur im Verhältnis zu den benachbarten Tönen richtig oder falsch. 5. Von groß nach klein arbeiten Erst die großen Formen, dann die mittleren, zuletzt die Akzente. So verhinderst Du, dass Du Dich zu früh in Einzelheiten verlierst. 6. Kanten bewusst behandeln Nicht jede Kontur muss scharf sein. Gerade in der Alla-Prima-Malerei entsteht viel Qualität durch das Wechselspiel aus weichen und klaren Kanten. 7. Rechtzeitig aufhören Einer der wichtigsten Punkte überhaupt: Höre auf, wenn das Bild seine Aussage trägt. Zu viel Nacharbeit zerstört oft genau jene Frische, die Alla Prima so schön macht.
Viele Schwierigkeiten wiederholen sich. Wenn Du sie kennst, kannst Du sie leichter vermeiden. Ein häufiger Fehler ist, zu früh zu detailliert zu arbeiten. Wer gleich mit kleinen Formen beginnt, verliert schnell den Überblick über das Ganze. Ebenso problematisch ist das ständige Korrigieren in nasser Farbe, ohne vorher klar zu überlegen. Dann kippt das Bild leicht ins Unruhige. Auch falsche Tonwerte sind ein Klassiker. Wenn die Dunkelheiten nicht tief genug oder die Lichter nicht überzeugend gesetzt sind, wirkt das Bild flach – selbst wenn die Farben hübsch erscheinen. Schließlich scheitern viele Alla-Prima-Bilder daran, dass alles gleich wichtig behandelt wird. Gute Malerei braucht Hierarchie. Manche Stellen dürfen klar und präzise sein, andere zurückhaltend und offen.
Alla Prima ist ideal für Dich, wenn Du: - freier und direkter malen möchtest - Dein Farbsehen verbessern willst - lernen möchtest, schneller das Wesentliche zu erkennen - Studien nach Natur, Foto oder Modell anfertigst - einen lebendigeren, weniger „totgearbeiteten“ Farbauftrag suchst Auch für fortgeschrittene Maler ist Alla Prima sehr wertvoll, weil sie zwingt, das eigene Sehen immer wieder zu schärfen. Selbst wenn Du später hauptsächlich in Schichten arbeitest, kann Dir die Alla-Prima-Praxis enorm helfen.
So spontan die Technik wirkt: Gute Alla-Prima-Malerei steht fast immer auf soliden Grundlagen. Wer Form, Tonwerte, Kanten, Proportionen und Farbzusammenhänge versteht, hat es deutlich leichter. Deshalb ist Alla Prima nicht einfach das Gegenteil von Disziplin, sondern eher ihre schnelle Schwester. Die Freiheit im Pinselstrich funktioniert am besten, wenn das Auge zuvor gelernt hat, präzise zu beobachten. Gerade in der realistischen Malerei ist das entscheidend. Spontaneität und Genauigkeit schließen einander nicht aus. Im besten Fall ergänzen sie sich..
Die Alla-Prima-Malerei ist weit mehr als eine schnelle Technik für Ungeduldige. Sie ist eine konzentrierte Form des Malens, in der Wahrnehmung, Entscheidungskraft und handwerkliches Können eng zusammenwirken. Wenn Du lernen möchtest, frischer, lebendiger und sicherer zu malen, dann ist Alla Prima eine wunderbare Übung – und oft auch eine sehr befriedigende Arbeitsweise. Sie zwingt Dich, das Motiv auf den Punkt zu erfassen, klar zu vereinfachen und Farbe mit mehr Mut einzusetzen. Nicht jedes Motiv muss alla prima gemalt werden. Aber fast jeder Maler profitiert davon, diese Technik ernsthaft zu üben. Denn sie lehrt Dich etwas Grundlegendes: gute Malerei entsteht nicht nur durch viele Schichten, sondern vor allem durch gutes Sehen und richtige Entscheidungen.
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